Br. David Steindl-Rast (*1926) kann auf fast ein Jahrhundert Lebenserfahrung zurückblicken. Seine Kindheit und Jugend waren geprägt vom Zweiten Weltkrieg. Rückblickend sagt er, dass er trotz der Schrecken jener Jahre und obwohl viele seiner Freunde gefallen waren, glücklich gewesen sei. Diese Zufriedenheit gab ihm später Rätsel auf – bis er in der Benediktsregel auf den Satz stieß: „Den Tod allzeit vor Augen haben.“
Gerade im Krieg war das Leben im gegenwärtigen Augenblick das Natürlichste überhaupt. Nach Kriegsende reifte in ihm der Gedanke: „Eigentlich sollte ich Mönch werden.“ Nach einer Zeit des Abwägens entschloss er sich zu diesem Schritt und trat 1953 in das neu gegründete Reformkloster Mount Saviour in Elmira, N.Y., USA, ein.
1965 erhielt er von seinem Abt den Auftrag, sich dem interreligiösen Dialog zwischen Christentum und Buddhismus zu widmen. Er studierte Zen, gründete gemeinsam mit anderen spirituellen Lehrern das Center for Spiritual Studies in New York und lebte immer wieder als Eremit. Gleichzeitig reiste er um die Welt, hielt Vorträge – darunter seinen bekannten TED Talk 2013 – und suchte den Austausch mit Ordensgemeinschaften, Doktoranden renommierter Universitäten und Friedensaktivisten.
Sein Engagement führte ihn auch auf Friedensmärsche, besonders gegen Atomwaffen. Dabei entstanden enge Kontakte zu Persönlichkeiten wie Thích Nhất Hạnh († 2022) und dem 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso. Für seine Arbeit im interreligiösen Dialog erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Martin-Buber-Preis, den Theologischen Preis der Salzburger Hochschulwochen und das Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich.
In seinen Büchern widmet sich Br. David vor allem seinem Lebensthema: der Dankbarkeit. Zudem befasst er sich mit dem „Common Sense“ der Menschen und arbeitet traditionelle Texte so auf, dass ihr ursprünglicher Kern neu erstrahlt.
Marcel Zeumer im Gespräch mir Br. David Steindl-Rast, Ort: Europakloster Gut Aich
MZ: Lieber Bruder David, zu Beginn dieses Jahres gabst du dem SRF ein Interview, indem du die Welt als verfahren beschrieben hast. Wobei du auch nicht genau weißt, wie es weitergeht. Haben es spirituelle Menschen denn zumindest leichter?
SR: Spiritualität macht das Leben immer leichter für alle Menschen und zu allen Zeiten, weil wir als Menschen auf Spiritualität angelegt sind.
MZ: Wie würdest du den Begriff Spiritualität beschreiben?
SR: Wir sind als Menschen darauf angelegt, uns mit dem großen Geheimnis des Lebens auseinanderzusetzen, und das ist Spiritualität. Spiritualität, der Name kommt ja von Spiritus, Geist oder Lebensatem, und Spiritualität ist eigentlich die Lebendigkeit auf
allen Ebenen.
MZ: Wenn man Menschen auf der Straße fragen würde, ob sie spirituell sind, würden sicherlich einige sagen: „Das ist nichts für mich.“ Für wen ist die Spiritualität?
SR: Das ist nur eine Frage der Definition von Spiritualität und viele Menschen, die man da auf der Straße fragt, stellen sich irgendwas Esoterisches vor. Aber wenn man sie fragt: „Haben Sie schon einmal das große Geheimnis des Lebens erfahren?“ Dann sind sie erstaunt.Wir sind jene Tiere, die auf das große Geheimnis in unserem Bewusstsein hin angelegt sind. Das ist schon eine Ur-Gegebenheit unseres Bewusstseins, dass wir auf ein großes Du, auf ein großes Geheimnis hin angelegt sind und uns damit immer wieder neu auseinandersetzen müssen.
MZ: Welche Rolle spielen Religionen bei der Spiritualität?
SR: Die Religionsgründer wie der Buddha, Jesus Christus oder auch Mohammed bauten, wenn ich das bildlich ausdrücke, einen Brunnen, welche das Wasser der allen Menschen angeborenen Religiosität heraufbrachte. Dies in einer Form, die für diese Zeit, wo diese Religionsgründer leben, angemessen und zündend war. Doch wenn diese Religionen eine gewisse Größe erreichen, entwickeln sie sich zu Institutionen. Wir wissen alle, dass Institutionen, ob politische, erzieherische, medizinische, o. a., nach kurzer Zeit ihr Eigenleben entwickeln. Der ursprüngliche Gründungsgrund geht immer mehr in Vergessenheit und sie werden immer mehr auf sich selbst konzentriert. Gar nicht mehr so auf das, was eigentlich ihr Anliegen sein sollte. Und das gilt genauso für die Religionen.
MZ: Lass uns nochmal auf den ursprünglichen Gedanken der Religionen zu sprechen kommen. Du nennst es das große Geheimnis. Ist es das, was im Christentum auch Gott oder das Göttliche genant wird?
SR: Da brauchen wir nur schauen, was sich die Leute unter Gott vorstellen und was sie im Namen Gottes getan haben, im Laufe der Geschichte. Aber Gott, wenn es richtig verwendet wird, ist der Ausdruck für das große Geheimnis. Denn Gott heißt ursprünglich im etymologischen Sinn das Angerufene. Und unter dem Aspekt des Anrufens und des sich in Beziehung setzen mit dem großen Geheimnis kann man auch von Gott sprechen. Vorausgesetzt, dass die Gesprächspartner auch dieses Verständnis haben.
MZ: Du hast gerade auch davon gesprochen, sich mit dem großen Geheimnis in Beziehung zu setzen. „In Beziehung kommen“ ist auch der Slogan eures Klosters. Wie kommen wir in Beziehung zu uns selbst, zu anderen und dem großen Geheimnis?
SR:Immer wieder in der Gegenwart zu leben, das ist die große spirituelle Aufgabe. Und ‚Gegenwart‘ sagt ja schon, dass etwas entgegen wartet, und das ist das große Geheimnis.
MZ: Warum ist es so schwer, diese Gegenwart zu verwirklichen? Du hast sicherlich viele Erfahrungen im Eremitenleben gesammelt. Wie entkommt man den Ablenkungen, um die Gegenwart zu leben? Es scheint so einfach und doch so schwer zugleich.
SR: Es ist ganz einfach. Aber die einfachsten Dinge fallen uns eben so schwer. Man kann es auf den ganz kurzen Merkspruch ‚stop, look, go‘ vereinfachen. Immer wieder innehalten, immer wieder hinschauen und hinhorchen, mit allen Sinnen offen sein. Was will das Leben in diesem Augenblick von mir und was schenkt es mir? Diese beiden Dinge – die Gabe und die Aufgabe. Und dann drittens, Go, mach das! Antwortet dem Leben! Und freu dich an dem, was das Leben dir schenkt. Ganz einfach. Aber natürlich auch ziemlich schwierig. Man muss das ganze Leben üben, um es zu können.
MZ: Ein weiteres Thema in deinem Leben ist die Dankbarkeit. Magst du dazu was sagen?
SR: Das ist eigentlich schon Dankbarkeit, das ‚stop, look, go‘. Denn daraus entspringt Lebensfreude. Weil man dann erst sieht, wie häufig sogar inmitten der größten Schwierigkeiten, für die man nicht dankbar sein kann, dennoch Gelegenheiten zur Dankbarkeit stecken. Selbst inmitten der Schwierigkeiten schenkt uns das Leben immer noch so viel, dass man gar nicht um die Dankbarkeit herumkommt, wenn man ‚stop, look, go‘ übt. Das Danksagen ist eine Höflichkeit, aber hat weiter nichts damit zu tun. Man sieht mit der stop-look-go-Übung sehr bald, innerhalb von wenigen Minuten, wie sehr wir uns, ohne es zu ahnen, ohne uns dessen bewusst zu werden, Augenblick für Augenblick auf das Leben verlassen. Das Leben lebt uns viel mehr, als wir das Leben leben. Das Leben erhält unseren Körper, erneuert unseren Körper, Augenblick für Augenblick. In jeder Sekunde sterben zwei Millionen roter Blutkörper und werden ersetzt. In jeder Sekunde. Das können wir uns gar nicht vorstellen. Und das ist dein eigener Körper. Und dieses Phänomen lässt sich für jemanden, der den Körper gut kennt, vertausendfachen.
MZ: Spannend. Die Religionen sprechen ebenso von all den guten Dingen, etwas der Dankbarkeit. Sie wollen den Menschen heilen, ihn auf den richtigen Weg bringen. Können sie das?
SR: Das ist eine sehr gute Frage. Du hast schon gesagt, die Religion soll heilen. Dazu braucht es eine gelebte Spiritualität in der Religion. Wenn wir nicht geheilt sind, fehlt uns etwas. Was fehlt uns? ‚Es‘ fehlt uns. Und das ist, was uns fehlt, es, die Beziehung zum großen Geheimnis. (Vergleichbar: „Es gibt uns.“ – Was ist das ‚Es‘ das alles / das Leben gibt?) Und das ist was die Religion, wenn sie funktioniert, wenn sie wirklich lebendig ist, vermittelt, anspornt, unterstützt. Wenn aber die Religion in die Irre geht und Glauben jetzt nicht mehr Vertrauen heißt (etymologischer Sinn des religiösen Glaubens: Vertrauen), sondern etwas glauben, dann werden Menschen rabiat, weil der andere etwas anderes glaubt. Und auch zu den Kriegen haben die Religionen sehr, sehr viel beigetragen. Die Religionen werden häufig bewusst vereinnahmt von Machthabern und Machtsuchern. Diese verzerren die Religion. Und die verzerrten Religionen, die ausschließlich etwas glauben, statt sich als Vertrauen identifizieren, die stehen ständig im Gegensatz.
MZ: Kann man somit zusammenfassen, dass die Religionen zum Guten in der Welt beitragen, wenn sie eben funktionieren und nicht fehlgeleitet sind?
SR: Also eine im besten Sinne religiöse Welt ist eine heile Welt und ist eine Welt, die nicht gespalten ist. Ein guter Maßstab für das Heilsein einer Religion ist, wie gut sie mit allen anderen Religionen auskommt. Aber leider vergessen eben die Religionen, worum es geht. Und sie glauben wie Institutionen: Ich will mich durchsetzen gegen alle anderen. (Haut auf den Tisch.) Naja, dann geht es nicht. Aber stell dir eine Welt vor, in der alle Religionen einander schätzen. In einer solchen Welt könnten wir, könnten die Religionen dazu beitragen, dass wir gemeinsam unsere großen Probleme wie den Klimawandel, die Überbevölkerung, Kriege und so weiter gemeinsam überwinden. Zum Glück gibt es immer wieder Menschen, die innerhalb dieser missglückten Religion vom Standpunkt der Spiritualität oder Religiosität immer wieder neu das Grundwasser heraufbringen. Oder um es mit einem anderen Bild zu sagen: Die Institutionalisierung kann man vergleichen mit dem Einfrieren. Was ursprünglich lebendiges, fließendes, lebensgebendes Wasser war, ist jetzt Eis. Und das muss mit der Wärme des eigenen Herzens wieder aufgetaut werden.
MZ: Ein schönes Bild. Du hast dich in deinem Leben auch viel dem interreligiösen Dialog gewidmet. Manche nennen dich auch Zendiktiner (Kunstwort aus Zen und Benediktiner). Schaust du dennoch weiter als 100-prozentiger Christ aufs Leben?
SR: Wenn man auf die Welt nur durch die Brille der eigenen Religion schaut, ist man schon auf dem falschen Weg. Besonders wenn es darauf ankommt, andere Religionen anzuschauen. Man muss auf die angeborene Religiosität schauen. Auf die kommt es an. Nicht auf die Formen, in denen man sie übernommen hat und praktiziert.
MZ: Ich denke, das ist ein gutes Schlusswort. Hab vielen Dank für Deine Zeit.
SR: Gerne, sehr gerne.


